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Energiewirtschaft - Interview mit Prof. Dr. Claudia Kemfert
Energiewirtschaft - Interview mit Prof. Dr. Claudia KemfertRisiken minimieren, Wettbewerbsvorteile stärkenDie Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professorin für Energiewirtschaft und Nachhaltigkeit, Prof. Dr. Claudia Kemfert,spricht über Energieeffizienz, politische Handlungsspielräume und den Klimaschutz als Motor für die Wirtschaft. Frau Prof. Dr. Kemfert, Sie sind eine der führenden Wirtschaftsexperten auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. Können wir in Deutschland mit uns zufrieden sein? Wir sind nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Ich sehe großes Verbesserungspotenzial. Neben dem Klimaschutz ist vor allem die nachhaltige Energieversorgung elementar. Fossile Energien werden knapper und teurer. Der Einsatz von heimischen Energieträgern und die Verbesserung der Energieeffizienz verbessern nicht nur Marktpotenziale, sondern machen weniger stark abhängig von Energieimporten und von Angebots- und Preisschocks. Jede Volkswirtschaft ist gut beraten, diese Risiken zu minimieren. Anstatt die Gelder für Energieforschung im vergangenen Jahrzehnt abzusenken, hätten wir sie deutlich erhöhen sollen. Die Energieversorgung muss möglichst rasch klimaschonend, sicher aber auch bezahlbar werden. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Welche Rolle spielen in Bezug auf die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes und der nachhaltigen Energieversorgung für unser Land die globalen Rahmenbedingungen und wie sehen diese eigentlich aus? Wir benötigen sicherlich ein globales Abkommen für den Klimaschutz. Dennoch darf es nicht als Ausrede dienen, auf die anderen zu warten und in dieser Zeit einfach weiterzumachen wie bisher. In allen Ländern mit hohem Energieverbrauch und dazu gehören vor allem die USA, aber auch China und bald auch Russland und Indien muss Energie massiv eingespart werden. Die deutsche Wirtschaft hat die besten Ausgangsvoraussetzungen, ihren Wettbewerbsvorteil in puncto Umwelt- und Klimaschutz weiter auszubauen. Viele Nationen, allen voran die USA und auch China, haben erkannt, dass die Wirtschaft mittelbis langfristig auf grüne Techniken umstellen muss, um überhaupt wettbewerbsfähig zu sein. Wichtig ist, dass die Politik die Weichen hin zu einer energieeffizienten, nachhaltigen und klimaschonenden Wirtschaftswelt ebnet. Und dass die Wirtschaft die Zeichen der Zeit erkennt und gezielt in die Märkte investiert. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus? Wir müssen so schnell wie möglich weg von fossiler Energie, insbesondere Öl. Das heißt, die Kohletechnologie muss umweltschonend werden, die erneuerbaren Energien müssen ausgebaut werden, wir müssen viel mehr Energie einsparen und verstärkt Wärme und Strom gleichzeitig produzieren und nutzen sowie klimaschonende Antriebsstoffe und -techniken einsetzen. Dazu benötigen wir deutlich mehr Forschung und Entwicklung sowie einen verstärkten Ausbau der Infrastruktur. Die größten Potenziale sehe ich in der Verbesserung der Energieeffizienz und im Energiesparen. Insbesondere im Gebäudebereich liegen ungeahnte Energieeinsparpotenziale. Was bedeutet das für uns Bürger? Müssen wir uns in Zukunft auf höhere Energiekosten einstellen? Nein, im Gegenteil. Je mehr Energie wir einsparen, desto weniger Kosten entstehen, die Bürger können sogar entlastet werden. Sicherlich gibt es Klimaschutz nicht zum Nulltarif. Kluger Klimaschutz kann jedoch zu deutlichen Entlastungen führen. Stichwort Kernenergie. Können Sie die Diskussion darüber überhaupt noch hören und finden Sie es nachvollziehbar, dass in der Bevölkerung diesbezüglich Ängste herrschen? Ich kann die Ängste sehr gut nachvollziehen. Insbesondere die Schlampereien und fehlerhafte Kommunikation einiger Energiekonzerne erhöhen die Sorgen der Bürger. Die Rolle der Kernenergie muss allerdings im gesamten Bild der Energieversorgung in Deutschland betrachtet werden. In Deutschland beruht die Stromerzeugung gegenwärtig zum großen Teil – knapp 80 % – auf Stein- und Braunkohle sowie Kernenergie. Deutschland will aus der Kernenergie aussteigen, zudem geht nahezu die Hälfte der Kohlekraftwerke in den kommenden zehn Jahren aus Altersgründen vom Netz. Es stellt sich somit die Frage, welche Technologien in Zukunft die 40 GW ersetzen können. Der zukünftige Stromerzeugungsmix wird auch in den kommenden zwei Dekaden von einem Anteil an fossiler Energie wie Kohle und Gas gekennzeichnet sein. Die Kohletechnologie wird nur dann eine Chance haben, wenn es möglich sein wird, die entstandenen CO2- Emissionen einzulagern (CCS). Eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke um 10 Jahre kann dazu beitragen, die notwendige Zeit zu geben, erneuerbare Energien und die CCSTechnologie wettbewerbsfähig zu machen. Aufgrund hoher Umweltbelastungen und Risiken sollten aber nur solche Atomkraftwerke länger laufen, die die notwendigen Sicherheitsstandards aufweisen. Wie muss die Politik reagieren, welchen Handlungsspielraum hat unsere Regierung dabei und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die EU? Die EU hat dies schon verstanden und mit dem „20-20-20-Ziel“ die notwendige Ausgangsbasis geschaffen: 20 % Treibhausgase eindämmen, die Energieeffizienz deutlich verbessern und den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 % erhöhen. Die Verbesserung der Energieeffizienz ist volkswirtschaftlich die preiswerteste und effizienteste Möglichkeit des Klimaschutzes. Jetzt gilt es jedoch, diese Ziele auch konsequent umzusetzen. Kann der Klimaschutz sich zu einem Motor für die Wirtschaft entwickeln? Ist er vielleicht sogar ein Allheilmittel aus der Krise? Eindeutig ja. Wenn wir jetzt klug die politischen Weichen stellen, schlagen wir drei Krisen mit einer Klappe: die Wirtschaftskrise, die Energiekrise und die Klimakrise. Denn der Klimaschutz ist der Weg aus der Krise. Klimaschutz ist der Wirtschaftsmotor und schafft Arbeitsplätze, sei es im Bereich emissionsarmer Energietechniken, der Energieherstellung wie beispielsweise mithilfe erneuerbarer Energien, aber auch nachhaltige Mobilität, Klimaschutztechniken, Energie- oder Finanzdienstleistungen. Die deutsche Wirtschaft kann wie keine andere vom Boom der Branchen der erneuerbaren Energien profitieren, aber auch durch den Ausbau der Energieeffizienz, innovativer Kraftwerkstechnologien und Antriebstechnologien aber auch in den klassischen Umweltschutzbranchen wie Müllverarbeitung, Recycling und Wasseraufbereitung weiterhin Weltmarktpotentiale ausbauen. Bis zu einer Million zusätzliche Arbeitsplätze sind in diesen Bereichen in den kommenden 10 Jahren möglich. Was müsste in Zukunft getan werden und was kann überhaupt realistisch erreicht werden, damit wir unsere hochgesteckten Ziele erreichen können?
Die zentrale Herausforderung der Politik ist es, den Klimawandel einzudämmen und eine nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen. Insbesondere sollten Gebäude besser gedämmt und in jeglichen Bereichen alles getan werden, um Energie einzusparen. Durch gezielte finanzielle Förderung, Steuerersparnisse und verbesserte Ein Blick in die Zukunft: Wie wird die Energieversorgung 2050 aussehen? Werden wir „grün“ leben?
Wir stehen heute vor einer großen Wende. Neben der verbesserten Energieeffizienz werden vor allem auch die erneuerbaren Energien sowie nachhaltige Mobilitätskonzepte wie beispielsweise die Elektromobilität deutlich an Gewicht gewinnen. Wir werden sicherlich „grün” leben, der Anteil der erneuerbaren Energien wird mindestens 50 % der gesamten Energieherstellung leisten können, Mobilität wird nachhaltig sein, zudem wird sich der Anteil fossiler Wir bedanken uns für dieses Gespräch und wünschen Ihnen und uns eine effiziente Zukunft. |
Ausgabe η[energie] 1 / 2010Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download |



