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Die Welt von morgen

Deutschland stellt die falschen Fragen in der Energiedebatte

Es scheint, als sei die Zeit des günstigen Öls schon wieder zu Ende. Seit Anfang des Jahres zog der Ölpreis um fast 40 % wieder nach oben – und das, obwohl die Krise offiziell
noch gar nicht zu Ende ist. Und einmal mehr fragen wir uns, ob Öl das Potential hat, mittel- bis langfristig die Rolle als günstiger Energielieferant zu behalten.

Die Antwort ist eine Frage der Logik: Da Erdöl als fossiler Rohstoff auf der Erde begrenzt ist, die Nachfrage nach Energie weltweit aber weiterhin kontinuierlich zunimmt, wird Öl mittel- bis langfristig teurer, wenn wir die Abhängigkeit von diesem Energieträger nicht substanziell reduzieren.
Zwar ist dies keine neue Erkenntnis, doch stellt sich die Frage, wann ein Punkt erreicht wird, an dem dieser Schritt kein ökologisches Gebot mehr ist, sondern eine wirtschaftlich günstigere Alternative. Dieser Zeitpunkt ist kritisch – wir bezeichnen ihn auch gern als sogenannten „Tipping-Point“, denn dann verändern sich maßgebliche Parameter sehr rasant und bringen sehr viel Veränderung in die Märkte, allerdings auch mit zahlreichen neuen Chancen für die beteiligten Akteure.
Nach unseren Erkenntnissen stehen uns im Bereich der Energie in den kommenden 520 Wochen mehrere dieser „Tipping-Points“ bevor. So ist die Entwicklung von Akkus an einem Punkt angelangt, an dem rein elektrische Fahrzeuge ähnliche Fahrleistungen erzielen können wie Hochleistungssportwagen. Das “intelligente Haus” wird mehr und mehr zu einer alltäglichen Realität für jedermann. Und nanotechnisch hergestellte Solarzellen könnten bald die günstigste Form der Energieerzeugung überhaupt sein.
Aus politischer Sicht ändern sich ebenfalls die Parameter: Neben den bisher oftmals ökologisch motivierten Überlegungen, birgt diese Umstellung unglaubliche ökonomische Potentiale. Doch die Herangehensweise und Strategie für die Zukunft trennt derzeit die Volkswirtschaften mehr denn je und stellt gleichzeitig maßgeblich die Weichen für die Zukunft eines jeden Landes. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, mit Veränderungen umzugehen: Probleme als Chancen zu begreifen und zu lösen, oder die Lösung aufzuschieben. Deutschland macht derzeit Letzteres. Wir lösen aber das weltweite Klima- und Energieproblem nicht, indem wir fast nur über Einsparpotentiale und Verzichtsappelle sprechen. Deutschlands vorherrschende politische Devise scheint sich in „Appellieren, Sparen, Hoffen“ zu erschöpfen.
Sowohl die Politik wie auch die öffentliche Diskussion bei uns in Deutschland verpasst es dabei weitgehend, die erfreulichere Kehrseite des Energieproblems aufzuzeigen: Vor unseren Augen und in den kommenden 520 Wochen entsteht einer der neuen Megamärkte dieses Jahrhunderts! Die Ablösung des Öls als vorherrschender Energieträger schafft Raum für volkswirtschaftliches Wachstum: Das Geschäft mit dem schwarzen Gold (Rohöl) ist derzeit eines mit 12 Nullen, nämlich zirka drei Billionen Euro jährlich. Gehen wir davon aus, dass in den kommenden zehn Jahren nur 10 % des Ölverbrauchs durch alternative Energien substituiert werden, dann sprechen wir von einem Markt von jährlich 300 Milliarden Euro.
Dieser Markt hat ein Volumen, das die US-amerikanische IT-Industrie um den Faktor drei übersteigt – und wie gesagt, das ist erst der Anfang, denn dies sind nur 10 % des potentiellen Markts. Der Tipping-Point wird dann erreicht, wenn die vorher teurere Alternative durch die o.g. Aspekte auf einmal die günstigere Alternative ist. Dies betrifft sowohl die Erzeugungsseite, als auch die Seite der Energie-Umsetzung (z.B. Antriebs- oder Speichertechnologien).

Wir stellen also die falschen Fragen

Während sich die Diskussion in Deutschland um (Öko-)Steuern, Einsparpotentiale, Produktverbote (z.B. Glühlampen) und Preiskontrollen dreht, denken die USA und andere führende Industrienationen darüber nach, wohin der erwachende Megamarkt sich entwickeln wird und wie sie daran teilhaben können. Schon in seiner Antrittsrede sprach Barack Obama von den Industrien, welche die neuen Säulen der USamerikanischen Volkswirtschaft werden sollen. Ganz vorn dabei: Alle Industrien rund um „neue Energie“, von intelligenten Stromnetzen bis hin zu elektrischer Mobilität.
Die größte Herausforderung kommt nicht aus Europa, sondern aus Asien. Dort rüsten sich Chinesen, Koreaner und Japaner für die nächste industrielle Revolution. Die Innovatoren dieser Branche sind schon jetzt wieder der Krise entflohen und können kaum die Nachfrage bedienen. Regierungen und Investoren nutzen aktiv die Herausforderungen der akuten Umwelt-, Energie- und Wirtschaftsprobleme, um Wachstumsimpulse zu generieren. Und dies bestimmt nicht mit Spar-Appellen, sondern mit der aktiven Entwicklung eines komplett neuen Wirtschafts- zweiges. Einmal mehr werden dann Technologien genutzt werden, die wir hier in Deutschland schon lange erforschen und testen, aber nur sehr unzureichend kommerzialisieren.
Werden wir staunend zusehen, wie die USA sich selbst aus dem Sumpf zieht, neue Industrien entwickelt und die weltweite Marktführerschaft erlangt? Der „Nach-demÖl“- Energiemarkt wird schätzungsweise fünf bis zehn Mal größer als der IT-Markt der USA. Verpassen wir in Deutschland gerade die Chance, an diesem Boommarkt zu partizipieren? Haben wir die Unternehmer, Investoren und zukunftsorientierten Politiker, die diese Chance erkennen und nutzen können?
Die Ausgangslage wäre nicht schlecht, aber wir brauchen einen neuen Fokus – und Menschen, die die richtigen Fragen stellen.

lars.thomsen@future-matters.com

Ausgabe η[energie] 6 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η[energie] 6 / 2009.
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