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Interview mit Stephan Kohler

Deutschland muss konkurrenzfähig bleiben

Die Klimakonferenz in Kopenhagen ist im Dezember 2009 gescheitert. Zwei Monate später hat Yvo de Boer seinen Rücktritt als Leiter des UN-Klimasekretariats erklärt. Gleichzeitig sieht sich auch der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri, internationaler Kritik ausgesetzt. Er hat unwahre bzw. unhaltbare Prognosen im letzten IPCC-Bericht veröffentlicht, die die Klimafolgen überdramatisieren. Schlimmer noch: Daraus sind ihm wirtschaftliche Vorteile im Zuge diverser Nebentätigkeiten erwachsen. Nunmehr wollen die USA und Indien dem IPCC kritischer gegenübertreten. „Climategate“ hat alle akribisch arbeitenden Klimaforscher frustriert. Es
war wohl der letzte Anstoß für den UN-Klimachef als „ehrlicher Makler“, sein verantwortungsvolles Amt niederzulegen. In diesem Zusammenhang sprach der wissenschaftliche Schriftleiter von ?[energie], Prof. Dr. Ernst A. Stadlbauer, mit Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena).

Eine schonungslose Manöverkritik der Klimakonferenzstrategie erscheint im Zuge dieser „Nachbeben“ unabdingbar. Wie kommen wir aus der klimapolitischen Sackgasse?

Wir brauchen eine globale Klimastrategie. Dies bedeutet, dass wir internationale Reduktionsziele vereinbaren, mit denen auch der Emissionshandel weltweit funktioniert. Wir müssen praktisch dem CO2 einen Preis geben. Wenn wir eine erfolgreiche Klimaschutzstrategie verfolgen, was wir dringend benötigen, dann müssen wir auch mit sinkenden Energiepreisen von fossilen Energieträgern rechnen. Mit dem Emissionshandel bleibt der ökonomische Anreiz, weiter auf Energieeffizienz zu setzen.

Soweit die Theorie. Wird die praktische Umsetzung des theoretisch Sinnvollen nicht durch nationale Interessen oder historisch gewachsene Empfindlichkeiten bzw. wirtschaftliche Egoismen blockiert?

Die genaue Ausgestaltung beinhaltet natürlich eine geopolitische Neuaufteilung. Aus meiner Sicht erwartet uns da vor allem ein Kampf zwischen China und den USA. Die Chinesen sagen: „Wir lassen uns nicht von der alten Welt vorschreiben, was wir zu tun haben.“ Zugegeben, dies ist historisch bedingt und auch nicht ganz unbegründet. Gerade deshalb muss mehr Realitätssinn in diese Verhandlungen. Nicht nur China, sondern auch Indien und Brasilien haben engagierte nationale Effizienzstrategien. Beispielsweise beabsichtigt China bis zum Jahre 2020, den Energieverbrauch um 20 Prozent zu senken. Es scheitert also nicht an den konkreten Maßnahmen, sondern an einer fehlenden globalen Vereinbarung: Wer verpflichtet sich zu welchen Reduktionszielen? Wie sind die Ausgleichszahlungen? Wer zahlt und wie stark sind die Kontrollen? Die politische Sprengkraft des letzten Punktes darf man nicht unterschätzen. Gerade für die Chinesen war es ein Streitpunkt, inwieweit andere Länder kontrollieren dürfen, was in China unternommen wird.

Verzeihen Sie meine Persistenz. China sicherte sich im Februar 2010 in Australien riesige Kohlevorkommen für 60 Milliarden Dollar. Ab 2010 werden für die nächsten 20 Jahre jährlich 30 Millionen Tonnen Kohle nach China geliefert. Braucht der globale Emissionshandel nicht auch eine globale CO2-Obergrenze?

Ganz klar: Ja! Wir brauchen diesen globalen Emissionshandel und zwar einen funktionierenden CO2-Zertifikatshandel. Wenn man Obergrenzen einführt, dann können die Kohlepreise zwar sinken, aber durch die CO2-Zertifikatspreise haben wir trotzdem einen Lenkungseffekt. Energieeffizienz und Regenerative werden schneller wirtschaftlich, weil insgesamt das Preisniveau höher wird. Und wir haben bei den fossilen Energieträgern – und das ist für mich eine wichtige Option – noch ein zusätzliches Instrument: Carbon Capture and Storage, CCS. Wir brauchen also Techniken, die CO2 abscheiden und dann können wir Kohlendioxid eventuell auch als Wirtschaftsgut aufarbeiten und weiterverwenden.

Aber Deutschland hat die CCSRichtlinie, EU-Direktive 2009/31, noch nicht umgesetzt. Daher qualifizieren sich deutsche Unternehmen nicht einmal für CCS-Förderung nach dem European Economic Plan für Recovery. Ist CCS die Metapher für die Magnetschwebebahn der deutschen Energiewirtschaft?

Natürlich sollten wir die CCS-Technik weiterentwickeln. Deutschland ist ein Industrieland, das gerade im Anlagenbau und Maschinenbau sehr stark ist. Außerdem ist CCS für den Export wichtig. Wir werden weltweit in den nächsten Dekaden auf jeden Fall noch fossile Kraftwerke, auch auf Kohlebasis, benötigen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Der Bau neuer Kohlekraftwerke mit höherem Wirkungsgrad ist aus meiner
Sicht jedoch nur dann akzeptabel, wenn wir auch in Deutschland auf CCS setzen. Kurz: Zum einen brauchen wir CO2-Handel, um die Obergrenze zu definieren und mit dem Effekt, dass Energieeffizienz und Regenerative preislich attraktiver, also konkurrenzfähiger werden. Zum andern ist es erforderlich, dass neue Technologien zur Abscheidung von CO2 auf den Markt kommen. Der Gesetzgeber muss und wird seine Pflicht erfüllen.

Nach den internationalen Regeln des Straßenverkehrs dürfen weder Führerscheinneulinge bzw. Erstbesitzer von Autos noch hochgestellte Würdenträger ungestraft eine rote Ampel überfahren. Das Stoppkriterium des Klimaschutzes ist CO2. Wäre nicht ein technisches Regelwerk des internationalen Klimaschutzes zielführend?

Wir orientieren uns sehr stark am World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IEA). Danach haben wir am Ende des Jahrhunderts eine mittlere Erhöhung der Durchschnittstemperatur von 6 °C, wenn wir mit der bisherigen Energiepolitik weltweit so fortfahren. Das dürfen wir nicht zulassen. Deshalb hat die IEA untersucht, wie wir die Erderwärmung auf 2 °C begrenzen und welche Beiträge Energieeffizienz, Regenerative, CCS und Kernenergie dazu leisten können. Den größten Beitrag mit 53 Prozent bringt Energieeffizienz. Erneuerbare Energien können 23 Prozent beisteuern. CCS trägt 15 Prozent und die Kernenergie 9 Prozent bei. Fazit: In der Steigerung der Energieeffizienz und den regenerativen Energien schlummern mehr als 75 Prozent des Potenzials für die Einhaltung der 2 °CObergrenze. Die Mobilisierung dieser Potenziale ist aber sehr stark im dezentralen Bereich angelegt, also wie dämmen wir z.B. Häuser, was eine sehr stark nationale, regionale bzw. kommunale Umsetzungskompetenz erforderlich macht.

Die Bevölkerung ist für Klimaschutz. Konkrete Maßnahmen sollen aber nicht vor der eigenen Haustür stattfinden. Können wir mit deutscher NIMBY-Gesinnung, d.h. „Not In My Backyard“, erforderliche CCS-Systeme überhaupt technisch realisieren?

Inzwischen gilt NIMBY eigentlich für jede Industrieanlage. Wir haben auch Widerstand gegen Biogas, Solaranlagen und Windparks. Da muss man differenzieren: Es gibt eine große Zustimmung für die Regenerativen und für den Klimaschutz. Wenn dies aber Auswirkungen auf das eigene Umfeld hat, dann ist die Zustimmung schon wieder geringer. Es ist notwendig, dass die Regierung ein schlüssiges Energiekonzept für die Zukunft ausarbeitet. Wichtiger ist jedoch die Akzeptanz. Da müssen Politik und Unternehmen eine breite Akzeptanzkampagne starten: Energie braucht Kommunikation. Zahlen und mögliche Szenarien sind das Eine. Es muss aber auch klargemacht werden, dass zum Beispiel der Ausbau der Regenerativen mit Strukturmaßnahmen wie dem Bau neuer Höchstspannungstrassen verbunden ist.

Welche Ratschläge geben Sie der Regierung für die Erstellung des deutschen Energiekonzepts?

Deutschland sollte den Anspruch haben, seinen Wohlstand mindestens auf heutigem Niveau zu halten, wenn nicht gar zu steigern. Dieses gelingt aber nur, wenn Deutschland auch weiterhin ein starker Industriestandort bleibt, für die chemische Industrie die Automobil- und Stahlindustrie. Wir können nicht nur vom Dienstleistungsbereich leben. Dabei müssen wir auch immer den rechtlichen Rahmen betrachten. Wir dürfen keine Rahmenbedingungen für Deutschland definieren, die dann zur Abwanderung der Industrie führt. Damit wäre dem Klimaschutz überhaupt nicht geholfen. Es würde nur zu Verlagerungseffekten kommen. Der Standort Deutschland muss als „Verbundstandort“ konkurrenzfähig bleiben, also von der Grundstoffindustrie bis zur Endproduktfertigung. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch im Jahr 2050 noch einen erheblichen Anteil an fossilen Energieträgern im deutschen Energiesystem haben werden.

Welche Stellung nehmen in diesem Konzept erneuerbare Energien ein?

Was ich heute an den Regenerativen kritisiere, ist, dass es immer nur eine Richtung gibt. Wie eine Linie steil nach oben. Damit machen sie den gleichen Fehler wie die Vertreter der konventionellen Energiewirtschaft in den sechziger und siebziger Jahren. Dabei wird zu wenig betrachtet, wie eine Systemintegration stattfinden soll oder welche Kosten auf uns zukommen. Man kann ja darüber philosophieren, dass wir im Jahr 2020 ungefähr 45.000 Megawatt Windenergie und etwa 40.000 Megawatt Photovoltaik im System haben. Dann stellen sich aber folgerichtig die Fragen nach den Erzeugungskosten, welche Speichertechnologien wir brauchen und welche Kosten damit verbunden sind. Nur zu diesen wirtschaftlich-technischen Details sind bisher keine Fakten auf dem Tisch. Deshalb ist es dringend erforderlich, belastbare Zahlen darüber zu ermitteln, welche Systemauswirkungen die Netzintegration von 30, 40 oder 50 Prozent an regenerativer Stromerzeugung verursacht.

Baut Deutschland energiepolitisch auf illusionärem Sand?

Der Wüstenstrom aus dem Desertec-Projekt wird so angepriesen, als ob er morgen schon da wäre. Gewiss, wir sehen aus klimapolitischen Gesichtspunkten die Notwendigkeit, das technisch Mögliche zu tun. Aber es ist ein Irrglaube, dass wir mit den Regenerativen alle Energieprobleme lösen können. Wie schon dargestellt, besitzt Energieeffizienz die größten Potenziale für eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik. Nur Energieeffizienz hat nicht die politische Lobby wie die regenerativen Energietechnologien. Das müssen wir ändern. Energie ist primär eine Ware, nicht eine Heilsidee. Energie ist vor allem ein Produktionsfaktor, um die vom Menschen gewünschte Energiedienstleistung zu bekommen, also einen wohl temperierten Wohn- oder Arbeitsraum. Die Höhe des Energieeinsatzes hängt aber ganz wesentlich davon ab, wie viel innovative Technik, Knowhow und Kapital wir in unsere Häuser stecken. In der Öffentlichkeit findet dies aber keinen besonders großen Widerhall. Da werden große Zahlen oder weit in der Zukunft liegende Visionen sehr stark unterstützt bzw. als bereits vorhanden dargestellt. Wenn man aber sagt, dass wir noch Kohlekraftwerke brauchen, um die Versorgungssicherheit zu erhalten, wird man als bezahlter Lobbyist dargestellt. Ideologie macht zwar blind, ist aber nicht der Nährboden nachhaltigen Wirtschaftens.

Das macht nachdenklich, Herr Kohler. Danke für dieses Gespräch.

Stephan Kohler

Im Jahr 1991 wurde er Geschäftsführer der vom Land Niedersachsen und der VEBA AG neu gegründeten Niedersächsischen Energie-Agentur in Hannover. Von 1982 bis 1984 war er Vorstandsmitglied im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), von 1991 bis 1993 Vorstandsmitglied des Öko-Instituts Freiburg und von 1995 bis 1997 Mitglied im Beirat des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.). Vom Februar 2000 bis März 2001 war Stephan Kohler Vorsitzender des Vereins der Energie-Agenturen Deutschlands (EAD e.V.). Seit Juni 2001 ist er Mitglied des Advisory Committee des Weltrats für Erneuerbare Energien. Bereits im September 2000 wurde Kohler Geschäftsführer der von der Bundesregierung und der KfW Bankengruppe (damals noch Kreditanstalt für Wiederaufbau) gegründeten Deutschen Energie-Agentur (dena). Seit 1. Mai 2006 ist er Vorsitzender der Geschäftsführung.

Ausgabe η[energie] 2 / 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η[energie] 2 / 2010.
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