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Die Heinzelmännchen der Trinkwasserversorgung

In den Leitungen der meisten Wasserversorger leben Tiere. Dies ist eines der ältesten Phänomene der Trinkwasserversorgung. Dr. Hans Jürgen Hahn und Jörg Bork zeigen,
dass Beunruhigung oder gar Panik nicht angebracht sind, denn Tiere im Trinkwasser sind nicht immer schlecht.

In den zurückliegenden Monaten wurde zum Teil sehr erregt und übertrieben über Wasserasseln in Trinkwasserleitungen berichtet. Jetzt ist Zeit für eine sachliche Betrachtung.
Die in den Medien dargestellten Probleme, wie durch Wasserasseln verstopfte Wasserhähne, Asselkot und -kadaver im Trinkwasser, sind die absoluten Ausnahmen. Ein solcher Massenbefall kommt nur dort vor, wo die Leitungsnetze sehr alt und überdimensioniert sind, das Rohwasser organische Stoffe in hohe Mengen enthält und Teile des Rohrleitungsnetzes lange Stagnationszeiten aufweisen. Eindringende Arten aus Oberflächengewässern, wie die Wasserassel, können sich dann im Leitungsnetz explosionsartig vermehren. Das Potential für solche Probleme haben in der Regel jene Versorger, bei denen auch Oberflächenwasser, z. B. aus Talsperren, Seen oder Uferfiltrationsanlagen, ins Versorgungsnetz eingespeist wird.
Grundsätzlich sind Tiere im Leitungsnetz in geringen Dichten zunächst unproblematisch. Ihre Herkunft liefert wichtige Informationen. Handelt es sich bei dem Tierbefall um echte Grundwasserorganismen, die gesundheitlich völlig unbedenklich sind, so weisen diese erst einmal darauf hin, dass es sich um von Oberflächenwasser gut abgeschirmtes und geschütztes Grundwasser handelt – ein Qualitätsmerkmal. Ein hygienisches Problem liegt allerdings dann vor, wenn es sich um Massenvorkommen bzw. um Oberflächenarten handelt. Diese zeigen einen Eintragspfad von Oberflächenwasser an, mit der in der Regel eine Verkeimung einhergeht – ein Qualitätsproblem.
Tiere werden aber in den allermeisten Fällen mit dem geförderten Wasser in nahezu jedes Versorgungsnetz eingetragen. Doch vor dem Ruf nach technischen Lösungen zur Eliminierung sollte zuerst eine Ursachenanalyse stehen. Wo kommen diese Tiere her, wie werden sie eingetragen, wie halten sie sich und was sagt uns das über unsere Förderanlagen und die Herkunft des Wassers?

Ressource Grundwasser – Ein Lebensraum

Machen wir uns folgendes klar: Nur gesunde Grundwasserökosysteme liefern auch gesundes Trinkwasser. Grundwasser ist nicht nur eine Ressource, sondern auch ein Lebensraum. Seine Bewohner reinigen das Grundwasser. Besiedelt wird das Grundwasser von einer Vielzahl an Organismen. Neben Mikroorganismen (Bakterien, Viren) kommen hier auch zahlreiche größere Tiere vor. Vor allem sind dies Krebstiere (z. B. Asseln), Würmer oder Milben.
Der Lebensraum Grundwasser ist durch seine harschen Bedingungen gekennzeichnet. Dunkelheit, konstante Temperatur von ca. 10°C und ein begrenzter Lückenraum sind charakteristisch. Gleichzeitig ist das Angebot an Nahrung und Sauerstoff knapp. Grundwasserarten sind an diese extremen Bedingungen angepasst. Da keine UVStrahlung vorhanden ist, sind die Tiere weiß bis durchsichtig und aufgrund des geringen Platzangebotes meist sehr klein und von schlanker, länglicher Gestalt. Um Energie einzusparen ist ihr gesamter Stoffwechsel reduziert – echte Grundwasserarten sind Hungerspezialisten! Sie sind darüber hinaus in der Lage geringe Sauerstoffkonzentrationen zu ertragen und können für eine gewisse Zeit sogar ganz ohne Sauerstoff überleben.
Grundwasserorganismen leben von der Nahrung die von der Oberfläche eingetragen wird. Die Zusammensetzung der Grundwasserlebensgemeinschaften hängen deswegen ganz stark von der Stärke des Oberflächenwassereintrages ab – eine Besonderheit, die sich für die Bioindikation nutzen lässt.
Grundwasserorganismen sind die „Heinzelmännchen der Trinkwasserversorgung“. Dass unser Trinkwasser so sauber aus der Leitung kommt wie wir es erwarten, verdanken wir nämlich vor allem den Lebewesen im Grundwasser. Sie fressen und zersetzten eingetragene Schadstoffe und reinigen so unser Trinkwasser.

Bekämpfung ja – Ursachenanalyse Fehlanzeige

Die Beseitigung von Tieren aus dem Leitungsnetz ist mittels technischer Maßnahmen möglich. Diese versprechen aber nur kurzzeitigen Erfolg, denn es werden nur Symptome bekämpft und die eigentlichen Ursachen bleiben unberücksichtigt. Häufig wird die Reduktion des lebensnotwendigen Kohlenstoffes als Lösung angeführt. Dies greift allerdings nur bei Oberflächenarten, wie den Wasserasseln. Echte Grundwasserarten sind jedoch seit Jahrmillionen hoch angepasste Hungerspezialisten. Zu bedenken ist auch, dass die Versorgungsanlagen entsprechend den hydrologischen Verhältnissen der Brunnenstandorte fortlaufend neu besiedelt werden. Dunkelheit, konstante Temperaturverhältnisse und geringes Nahrungsangebot, sind typische Merkmale des Grundwassers und gelten genauso auch für das Leitungsnetz.
In erster Linie ist also nach den Ursachen der Besiedlung zu suchen:

- Wie stellen sich die hydrologischen Verhältnisse der Förderanlagen dar?
- Wie sind die Eintragspfade?
- Wie breiten sich die Tiere aus?
- Wie und wo können sie sich im System halten?

Letztendlich sind Tiere im Leitungsnetz jedoch nicht zu verhindern, und wir sollten dies akzeptieren.

Monitoring – Grundwasserökologie als Chance

Die Tiere des Grundwassers geben uns detaillierte Informationen über die Herkunft des Wassers, den Typ des Grundwasserleiters und vor allem auch über die Stärke des Oberflächenwassereinflusses auf das Grundwasser.
Mit der Zunahme des Oberflächenwassers steigt auch die Gefahr für die Qualität des Trinkwassers. Gerade kleinräumig, zum Beispiel im Bereich von Trinkwassergewinnungsanlagen, stellen Organismen eine zunehmend interessante Ergänzung zur hydrochemischen und hydrologischen Bewertung dar. Aktuelle grundwasserökologische Studien zeigen, dass Grundwassertiere erfolgreich als Bioindikatoren eingesetzt werden können:

- Zur Bewertung des Zustandes von Versorgungsnetzen
- Als „Frühwarnsysteme“ zur Erfassung und Bewertung hydrologischer Veränderungen im Bereich von Trinkwassergewinnungsanlagen/ Management von Feuchtgebieten
- Zur Abschätzung der Vulnerabilität des Grundwassers

Im Zusammenspiel mit der Hydrochemie und Hydrologie liefert die Grundwasserökologie dem Wasserversorger damit weitreichende Informationen, die bei nur unwesentlich höheren Kosten deutlich über die bisherigen Standards hinaus gehen.

Fazit

Echte Grundwassertiere im Versorgungssystem sind harmlos und kaum zu verhindern. Sie spiegeln das örtliche Grundwasserökosystem wider, dessen Leistung vor allem in der Reinigung des Grundwassers besteht. Echte Grundwassertiere in geringer Dichte sind ein Qualitätsmerkmal. Problematisch sind dagegen Oberflächenarten, z. B. die Wasserassel. Sie zu erkennen, zu verhindern und gegebenenfalls auch zu bekämpfen ist Teil der Qualitätssicherung im Wasserwerk. Entscheidend ist es, dass die Wasserversorger, aber auch die Verbraucher, das Vorkommen von Tieren in ihrem Leitungsnetz akzeptieren und differenziert betrachten. Die Organismen im Grundwasser und in den Versorgungssystemen lassen sich als Bioindikatoren nutzen. Entscheidend ist es, zu wissen, um welche Arten es sich handelt und wie hoch die Besiedlungsdichten sind. Dies gibt dem Wasserversorger vielfältige Informationen über Zustand und Gefährdung seines Trinkwassers. Die Kunden erwarten schließlich klare Auskünfte über ihr wichtigstes Lebensmittel.

info@groundwaterecology.de

Ausgabe η[energie] 7 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η[energie] 7 / 2009.
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